Grußwort von Gleichstellungsministerin Aminata Touré anlässlich der Bundeskonferenz der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten in Lübeck am 18.05.2026
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrte Frau Judith Rahner, sehr geehrte Frau Elke Sasse, sehr geehrte Frau Sahra Vafai, sehr geehrte Frau Tinka Juliane Frahm, liebe kommunale Gleichstellungsbeauftragte, liebe Alle,
ich habe am Wochenende mit Freund*innen darüber gesprochen, wann wirkt Protest? Wann wirken gesellschaftliche Veränderungen und wie hartnäckig müssen wir bleiben? Reicht eine Woche, ein Monat oder ist es doch eher ein Jahrzehnt?
Liebe Frauen, liebe Alle,
die Geschichte lehrt uns, dass auf jeden gesellschaftlichen Fortschritt, Rückschritte folgen, in denen Debatten um die Errungenschaften geführt werden und irgendjeMANN feststellt, dass es jetzt mal reicht.
Kurz ausgedrückt: Diejenigen, die sich zur Mehrheit oder zur dominanten gesellschaftlichen Gruppe in solchen Debatten zählen, sind genervt. Genervt von der Larmoyanz, die sie empfinden von dem „immer mehr wollen“. Genervt von Gesetzen, Strukturen und Gleichstellungsbeauftragten.
Ich bin Aminata Touré, 33 Jahre alt. Und seit knapp zehn Jahren mache ich hauptberuflich Politik und ich möchte den Schuh mal umdrehen und sagen, was mich nervt:
Mich nerven politische Räume, in denen mehrheitlich Männer über die Geschicke dieses Landes entscheiden.
Mich nerven Debatten, die aberkennen, dass wir immer noch nicht vollends gleichberechtigt sind.
Mich nervt, dass Frauen immer noch zu oft Gewalt von ihren Partnern und Ex-Partnern erleiden müssen.
Nein, das ist zu seicht formuliert, es macht mich wütend.
Mich nervt, dass jede Generation aufs neue feststellen muss, dass es immer noch nicht reicht und manchmal leider erst zu spät in die Auseinandersetzung geht.
Mich nervt so vieles.
Ich mache das, wie gesagt, seit fast einem Jahrzehnt und allein die Debatten, die allein ich schon zum hundertsten Mal gehört und mitgeführt habe, nerven mich.
Und wenn ich in diesen Raum schaue, dann bin ich mir sicher, dass es unter Ihnen viele gibt, die diese Debatten schon länger als ich führen, nämlich seit 20,30, 40 Jahren.
Und deshalb möchte ich mich bedanken.
Ich möchte mich dafür bedanken, dass wenn Sie alle nicht diese Kämpfe geführt hätten, so viele von uns jungen Frauen sich nicht selbst hätten verwirklichen können. Ich wäre sicherlich keine Politikerin geworden, wenn so viele von Ihnen nicht mit so viel Herzblut eingefordert hätten, dass wir Teil sein müssen von politischen Räumen.
Und ich sage das ganz deutlich an Frauen, die zu älteren Generationen gehören, weil ich es manchmal unglaublich finde, mit was für einer Selbstverständlichkeit – nicht alle – aber ausreichend- jüngere Frauen alles für selbstverständlich halten, was sie heute tun können und teilweise an der vordersten Front des Antifeminismus kämpfen.
Ich möchte ihnen zurufen: Was ist los mit euch?
In dem Moment, in dem all die Errungenschaften zurückgedreht werden würden, wäre es nämlich nicht so, dass automatisch die gelebte Gleichstellung der letzten Jahrzehnte sich einfach fortgesetzt würde. Wie oft haben wir in Deutschland gehört, wir haben eine Bundeskanzlerin und deshalb ist doch alles erreicht.
Im Jahr 2026 werden die wesentlichen politischen Entscheidungen auf Bundesebene fast ausschließlich von Männern getroffen. Im Koalitionsausschuss sitzt ein Männerclub plus Bärbel Bas.
Und deshalb ist es immer wichtig genau hinzuschauen, ob einfach nur eine Quotierung da ist, die das Bild besser aussehen lässt, oder ob entsprechende Frauen auch in den Runden und Führungsebenen sitzen, wo die tatsächlichen Entscheidungen getroffen werden.
Nur wenn wir dort eine tatsächliche Parität haben, können wir von echter politischen und gesellschaftlichen Aufteilung von Macht sprechen. Alles andere sind Alibiveranstaltungen, mit denen sich Männer in Machtpositionen brüsten. So viele von Ihnen haben in so vielen Räumen alleine gekämpft und mit einer Vehemenz für Gleichstellung gestritten.
Und da ich politische Räume von Innen kenne, weiß ich, wie oft es einem sehr nah gehen kann.
Wie oft man seine Wut runterschluckt, weil man weiß, dass es am Ende um das Ergebnis gehen muss und dass man bereit ist, sich viele Verrücktheiten anzuhören, wenn es am Ende zu einem guten Ergebnis kommt.
Wir alle nerven. Wir alle, die wir uns für Gleichstellung einsetzen, nerven. Ich finde das herrvorragend!
Und ich möchte Sie alle darin ermutigen weiter zu nerven. Weiter standhaft zu bleiben und sich nicht beirren zu lassen.
Man erlebt oft, dass gesagt wird, wir haben doch ein Grundgesetz, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern festhält. Wozu braucht es Regelungen unterhalb dessen? In irgendwelchen Bereichen gibt es bereits Frauen, wozu braucht es Gleichstellungsbeauftragte oder Maßnahmen für mehr Gleichstellung. Und ich kann nur eins sagen, weil diese Gesellschaft immer noch mehrheitlich von Männern regiert und dominiert wird.
Wir werden in Schleswig-Holstein das Gleichstellungsgesetz erneuern. Und ich kann Ihnen sagen, ich setze mich dafür ein, dass die Gleichstellungsbeauftragten gestärkt werden. Gerade die kommunalen. Denn Sie sorgen dafür, dass kommunale Entscheidungen unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigen.
Sie machen auf Lücken aufmerksam.
Sie vernetzen Menschen.
Und ich möchte dafür sorgen, dass Gleichstellung als Ziel als Grundgedanke festverankert wird und dass auch Sanktionen bei Nichtbeachtung erfolgen müssen! Ich bin mir sicher, dass wir das hinbekommen werden und dass wir in Schleswig-Holstein, wie bei so vielen Dingen, Vorreiterin sein werden! Und während ich nicht der Überzeugung bin, dass Frauen einfach die besseren Menschen sind, denn diese können genauso antifeministisch, antidemokratisch und reaktionär sein, so bin ich aber der Überzeugung, dass es unser Recht ist, von allem mindestens die Hälfte zu bekommen. In unserer Vielfalt.
Und ich möchte diese Konferenz aber auch nicht verlassen, ohne uns selbst auch einen selbstkritischen Gedanken mitzugeben. Denn wo sind wir selbst nicht gut genug oder müssen besser werden?
Ich bin der Überzeugung, dass wir besser werden müssen, im Einbeziehen der Frauen, die anders als viele von uns, nicht akademisch sind. Anders als viele derer, die sich im Gleichstellungsbereich engagieren, einen Migrationshintergrund haben, eine Behinderung haben, arm sind, non-binär, trans oder andere Merkmale haben.
Mein Verständnis von Feminismus ist, wenn er nicht alle umfasst, dann ist er keiner. Punkt.
Die Gleichstellungspolitik steht unter Beschuss. Und das tut sie, weil wir so weit gekommen sind, nicht weil es falsch ist, was wir tun.
Ich möchte abschließen mit dem, was meine Freund*innen und ich am Wochenende für uns festgestellt haben und das für uns auch festhalten: Wir müssen dran bleiben. Egal, wie sehr der Wind von vorne kommt, egal, wie oft man sich wiederholt. Ich bin mir sicher, Veränderung kommt, wenn wir weiterkämpfen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
